Wohnraum als Ware, Beschäftigte als Sparfaktor

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In der Tarifrunde für die 65.000 Beschäftigten gab es erstmals seit langem kollektive Aktionen. Organizer gewinnen neue ver.di-Mitglieder.

von Jörn Boewe und Johannes Schulten

Hunderttausende Wohnungen sind seit Anfang der 90er Jahre privatisiert worden. Mit Personalabbau, Arbeitsverdichtung und Tarifflucht haben Finanzinvestoren ihre Renditen gesteigert. Doch die Beschäftigten gewinnen an Selbstbewusstsein, wie sich in der Tarifrunde gezeigt hat. „Wohnungsverwalter waren noch nie besonders kämpferische Gewerkschafter“, sagt Sabine Herbst, Betriebsrätin bei der Berliner Gewobag, dem zweitgrößten kommunalen Wohnungsunternehmen der Hauptstadt. „Bei uns steht keiner mit dem Transparent vor der Tür.“ Aber das ändert sich zurzeit.

Wohnraum als Ware

Lange war die Wohnungswirtschaft sozialpartnerschaftlich ausgerichtet – und das nicht von ungefähr. Allein die Idee, dass Kommunen preiswerte Wohnungen bauen oder Unternehmen für ihre Arbeiter und Angestellten Werkswohnungen bereitstellen, ist sozial, von den Wohnungsbaugenossenschaften, den Selbsthilfeorganisationen der Arbeiterbewegung, ganz zu schweigen. Doch längst ist Wohnraum zur Ware geworden, zum Spekulations- und Renditeobjekt – und das nicht nur im Luxussegment, sondern auch im Massenmarkt. Um die Jahrtausendwende ging es richtig los: Internationale Finanzfonds kauften günstige Wohnungen zu Hunderttausenden. Mieter bekamen schnell zu spüren, was der Eigentümerwechsel für sie bedeutete. Um ihre überzogenen Renditeerwartungen zu erfüllen, nutzten die Investoren jeden Spielraum für Mieterhöhungen. Ausgewählte Bestände wurden luxusmodernisiert, bei einem Großteil der Wohnungen, vor allem im unteren Mietpreisbereich, wurde dafür radikal an der Instandhaltung gespart.

Und auch für die Beschäftigten änderte sich einiges. Allein der Branchenriese Deutsche Annington baute Hunderte Arbeitsplätze in mehreren Wellen ab. Besonders heftig wurde es nach der Finanzkrise 2008. Das Unternehmen schloss die regionalen Kundencenter, die Mitarbeiter/innen bekamen nun ihre Arbeitsaufträge auf die Laptops geschickt. „Ihr Arbeitsplatz war ab jetzt im Auto“, erinnert sich der Konzernbetriebsratsvorsitzende Manfred Nordwig, „und ihre Toilette im besten Fall bei McDonald’s. Kolleginnen und Kollegen sind darüber krank geworden“. Wo wieder Personal eingestellt wurde, geschah das seitdem in tariflosen Gesellschaften. Die Unternehmensstruktur wurde inzwischen gezielt darauf zugeschnitten. „Jedes tarifgebundene Konzernunternehmen“, sagt Manfred Nordwig, „hat eine tariflose Schwestergesellschaft“.

Abgeschoben in Tochtergesellschaften

Nicht besser verhielten sich die anderen privaten Unternehmer in der Branche. Doch der Druck, „marktkonform“ zu agieren, prägte bald auch die Arbeitsbedingungen der öffentlichen Unternehmen. Auch sie lagerten immer mehr Tätigkeiten aus. So lief es bei der Gewobag, einem zu hundert Prozent im Besitz des Landes Berlin befindlichen Wohnungsbauunternehmen mit 100.000 Wohnungen. Wie die Hauswarttätigkeiten wurde dort auch die Mietergewinnung vom Schalten der Anzeigen über die Wohnungsbesichtigung bis zum Vertragsabschluss in eine Tochtergesellschaft ausgelagert. Anstelle des Tarifgehalts bekommen die Mitarbeiter/innen jetzt einen Mix aus einem Festgehalt und einer Provision.

Kollektive Aktionen

„Die Arbeit wird immer weiter zergliedert“, sagt Gewobag-Betriebsrätin Sabine Herbst. Immer weniger Leute müssten immer mehr Aufgaben bewältigen. Die Arbeitsverdichtung ist ein großes Problem. „Doch langsam, aber sicher beginnen die Kolleginnen und Kollegen damit, sich zusammenzuschließen. Wir gewinnen ständig neue Mitglieder“, fügt sie hinzu.

Sabine Herbst gehört auch zur ver.di-Bundestarifkommission für die Immobilienwirtschaft. Ende Juni konnte ver.di gemeinsam mit der IG BAU für die bundesweit 65.000 Beschäftigten einen Tarifabschluss erreichen. Dadurch bekommen die Beschäftigten seit Anfang Juli 2,4 Prozent, mindestens aber 70 Euro Gehalt mehr. „Wir hätten uns mehr erhofft“, räumt Carla Dietrich von der ver.di-Bundesverwaltung ein. Aber „bei unserem noch schwachen Organisa­tionsgrad“ sei das ein gutes Ergebnis. „Wir haben den Einstieg in einen Sockelbetrag geschafft, der das Gehalt der Kollegen in den niedrigen Entgeltgruppen stärker anhebt.“ Neu sei gewesen, dass es erstmals seit langem kollektive Aktionen und eine breite Diskussion gab. „Auf diesem Weg machen wir weiter“, sagt Dietrich. „Wir werden Schritt für Schritt mehr Mitglieder gewinnen, um Druck ausüben zu können und die Tarifbindung zu stärken.“

Nächstes Etappenziel ist der Marktführer Deutsche Annington. In zwei ausgewählten Tochtergesellschaften ist es ver.di bereits gelungen, so viele Kolleg/innen zu organisieren, dass im Unternehmen nun Tarifkommissionen gewählt werden können. Gezielt hat die Gewerkschaft seit Ende 2013 in einem Organizing-Projekt darauf hingearbeitet.

„Ob wir damit Erfolg haben, entscheiden am Ende aber die Beschäftigten“, sagt ver.di-Sekretär Jeffrey Raffo. „Wir können ihnen dabei helfen, aktiv zu werden, um ihre Situation zu verbessern.“ Doch machen müssten sie es selbst. Raffo ist US-Amerikaner. Er war früher jenseits des Atlantiks als Organizer in gewerkschaftlich schwachen Branchen wie dem Gesundheitswesen und der Textilindustrie aktiv und hat dann in Deutschland für die IG Metall Beschäftigte im Windkraftanlagenbau organisiert. Im Herbst, so der Plan von ver.di und den Aktiven, wollen die neugewählten Tarifkommissionen der Deutschen Annington ihre Forderungen präsentieren.

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